Ungewollte Kinderlosigkeit

Ungewollte Kinderlosigkeit wird von vielen Betroffenen als schwere emotionale Krise beschrieben. Der unerfüllte Kinderwunsch und die medizinische Behandlung können kurz- und langfristig eine starke psychische Belastung darstellen. Die psychischen Auswirkungen des unerfüllten Kinderwunsches und der reproduktionsmedizinischen Behandlung sind lange unterschätzt worden.

Wenn Sie von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen sind, überlegen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sich derzeit in einer Kinderwunschbehandlung befinden, eine Adoption oder Pfelegeelternschaft erwägen oder Abschied vom Kinderwunsch nehmen, biete ich psychotherapeutische Begleitung an. Weitere Information unter: www.gillinger.at/kinderwunsch

Die prinzipielle Erreichbarkeit der Elternschaft wird den Betroffenen durch andere Menschen tagtäglich schmerzhaft vor Augen geführt. Hoffnung und Enttäuschung folgen im Monatsrhythmus aufeinander. Viele Betroffenen ziehen sich aus Angst vor Unverständnis und Abwertung zurück.

In vielen Kulturen erfahren insbesondere kinderlose Frauen eine starke Entwertung. Das Nicht-Schwanger-Werden wurde auch in unserem Kulturkreis von der frühen Psychoanalyse als Ausdruck einer unbewussten Abwehr der Frau gedeutet – eine Annahme, die mittlerweile durch groß angelegte Studien entkräftet wurde! 

Vom sozialen Umfeld wird häufig die paradoxe Forderung an ein Paar herangetragen, den Kinderwunsch loszulassen, damit sich eine Schwangerschaft einstellen kann. Argumentiert wird oft damit, dass Paare, die sich von einem leiblichen Kind innerlich verabschiedet hätten, dann doch spontan ein Kind bekommen haben. Systematische Untersuchungen können jedoch keinen Zusammenhang belegen. Eine durchschnittlich erhöhte Depressivität und Ängstlichkeit von Betroffenen ist laut umfassenden Studien eine Folge des unerfüllten Kinderwunsches und nicht etwa ihre Ursache

Eine Fertilitätsstörung ist eine von der WHO anerkannte Krankheit, wenn sich im Zeitraum eines Jahres, mit regelmäßigem ungeschützten Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft einstellt. Etwa 80% der Frauen in der reproduktiven Lebensphase, die sich für ein Kind entscheiden, werden innerhalb von 12 Monaten schwanger, 5-10% jedoch bleiben kinderlos.

Zu den häufigsten spezifischen Ursachen von Kinderlosigkeit zählen beschädigte Eileiter, pathologische Spermiogrammveränderung und immunologische Probleme. Zu den unspezifischen Faktoren gehören der allgemeine Gesundheitszustand (schwere Krankheit führt etwa zu einer Beeinflussung der Follikel- oder Spermienreifung), das Alter, extremer Stress, Nikotinabusus und Untergewicht. Während beim Mann die Fruchtbarkeit mit dem Alter linear abnimmt, sinkt diese bei Frauen ab dem 35. Lebensjahr innerhalb von 10 Jahren drastisch. Bei ca. 15% der Paare kann keine Ursache für die Infertilität gefunden werden, was jedoch nicht bedeutet, dass die Ursache psychischer Natur ist.

Eine reproduktionsmedizinische Behandlung (IUI, IVF, ICSI) gilt bei vielen der genannten medizinischen Ursachen als erfolgversprechend. Eine Studie in Deutschland stellte jedoch fest, dass PatientInnen oftmals nicht hinreichend über Risiken und Erfolgschancen aufgeklärt werden. Nach drei abgeschlossenen Behandlungszyklen bleiben durchschnittlich 60% der Paare kinderlos, nach vier Zyklen 50%, was die Notwendigkeit verdeutlicht, rechtzeitig eine alternative Lebensplanung zu thematisieren. Auch eine erfolgreiche Sterilitätstherapie wird von den meisten Menschen psychisch als belastend erlebt. Das Angstniveau der Frauen ist im Schnitt im dritten Schwangerschaftsdrittel noch deutlich erhöht. 

Es lässt sich in Studien kein bedeutsamer Unterschied im subjektiven Wohlbefinden und der globalen Lebenszufriedenheit zwischen kinderlosen Personen und Personen gleichen Alters mit Kindern finden. Bei einigen Betroffenen kann sich jedoch das Bedauern über die Kinderlosigkeit mit zunehmendem Alter verstärken. Die Mehrzahl der Studien weist auch darauf hin, dass der unerfüllte Kinderwunsch häufig eine negative Auswirkung auf die Sexualität der Paare hat. Neben der Psychotherapie gelten als bedeutendste Verarbeitungshilfen die soziale Unterstützung (insbesondere durch die/den PartnerIn), aktive Trauer sowie Information sammeln/verarbeiten. Sport, systematische Entspannungstechniken, Aktivitäten in der Natur etc. können ebenfalls hilfreiche Strategien sein.

Quelle: Gillinger, D. (2016). Bio-psycho-soziale Auswirkungen von Fertilitätsstörungen und ihre Verarbeitung. Donauuniversität Krems.